Dienstag, 20. März 2012

Vermelde: Vollzug!

Verzeiht, aber letzte Woche wollte ich ehrlich gesagt erst mal ein paar Tage das Wort "Magisterarbeit" nicht mal denken bzw. Abstand bekommen und ausspannen.
Dank der tatkräftigen Helfer der Korrekturleser in letzter Minute und der noch viel tatkräftigeren Hilfe meiner Eltern beim epischen Kampf mit dem Bindegerät ist die Arbeit doch nicht erst um 23.59h an der Universitätspforte gelandet (wenn man zugegeben auch mehr von "frühem Abend" sprechen konnte, als wir da vorgefahren sind).

Tausend Dank an euch!
(Auch wenn ihr es vielleicht nicht mehr hören könnt)


Die Arbeit - meine Magisterarbeit, der schriftliche Anteil meiner Abschlußprüfungen (unfaßbar, oder??) - ist tatsächlich abgegeben. Form- und Fristgerecht. Über die Qualität können sich die Geister vermutlich scheiden; zufrieden bin ich nicht, aber andererseits hätte ich unter den Umständen nicht mehr rausholen können, schätze ich. (Andererseits hätt ich es einfach mal ordentlich machen und nicht in zehn Tagen schreiben können, Gründe hin, Ursachen her. Andererseits hab ich nicht damit gerechnet, daß ich wirklich etwas abgebe.)
Weiterhin sehr surreal: Ich soll meine Magisterarbeit abgegeben haben. Ha.

Die Argumentation scheint zumindest schlüssig zu sein (es fiel auf entsprechende Nachfrage der legendäre Satz, vorgetragen im tiefen Brustton überzeugter Empörung: "Richelieu war ein Arschloch."), das ist ja auch etwas, wofür man selbst gerne den Blick verliert, wenn man gedanklich tief in der Arbeit steckt und einem selbst alles ganz schlüssig ist, man selbst weiß doch schließlich ganz genau, was man mit diesem absolut offensichtlich formulierten Wirrwarr gemeint hat. Erstaunlich wie oft man genau das offensichtlich nicht gewußt hat. ^^
Die Quellenanalyse hatte ich nach dreißig Seiten fertig. Allerdings fehlten da noch zwanzig zur Vorgabe des Umfangs. Ihr erkennt das Problem? Den Rest hab ich über Formatierung und Belege meiner wilden Spekulationen Thesen aus der Sekundärliteratur reinzuholen versucht. Am Ende waren es 47 Seiten, was den 10% Toleranz beim 'Richtwert: fünfzig Seiten' in der Prüfungsordnung Genüge getan hat.
Jedenfalls hätt ich gerne noch einen Exkurs zur Staatsräsonlehre im 17. Jahrhundert und ihren Grundlagen allgemein gemacht. Sowie zu Richelieus* Ausbildung bzw. den ihn beeinflussenden Vordenkern und dem Durchblitzen ihrer Wirkung auf ihn im Politischen Testament. Absolut notwendig - in meinen Augen - wäre ein Vergleich der Selbstdarstellung Richelieus im Politischen Testament mit seinen anderen Dokumenten, v.a. natürlich Briefen und anderen Schriften, v.a. den 'Mémoires', gewesen. Ebenso wie eine komparative Nachforschung zur Frage, wie andere Richelieu und seinen Umgang mit ihnen empfunden haben; spannend wäre sicherlich König Louis XIII. gewesen, der besonders ungnädig wegkam. Und...und...und...
Oh Gott, wenn ich darüber nachdenke wird mir wieder ganz schlecht!
Die Bewertung erfolgt in bis zu sechs Wochen.
Oh Gott.
Etwas, wo ich eindeutig geschlampt habe (weiß ich, weil ich da immer schlampe, ist aber - wenn überhaupt - noch nie wirklich schlimm bemängelt worden - aber das waren ja auch noch nie ABSCHLUSSarbeiten), ist der Überblick zum Forschungsstand. Das kann ich schlicht und ergreifend nicht. Werde ich vermutlich auch nie können. Woher soll ich denn schon bitte wissen, welcher Beitrag von welchem Forscher nun wie "instruktiv" war, oder ob meine Bibliographie überhaupt nur vollständig in den wichtigsten Werken ist? Nö, das werde ich wohl nie lernen. Ärgerlich, aber wenn das die einzige Kritik sein sollte...

Erwähnte ich schon, daß ich lieber nicht darüber nachdenken sollte?

Richelieu war jedenfalls ein faszinierender Mann, ambivalent in seiner Misanthropie (er bevorzugte Katzen als Gesellschaft, weil ihm Menschen, ich fasse frei zusammen, schlicht zu blöd waren) und in seinem gleichzeitigem Geschick, Menschen zu beherrschen - Entschuldigung! Ich meinte natürlich: seinen König in dessen Herrschaft zu unterstützen! Ts, wie mir das nur passieren konnte... ;-) Unfaßbar intelligent, interessiert und effizient. Gut, vielleicht ein klein wenig arrogant in der Einschätzung eigener Wichtigkeit für das Überleben Frankreichs. Aber nur ein ganz klein wenig.
Ach, ich fürchte, ich habe einfach ein unbestreitbares Faible für intelligente Misanthropen!

Übrigens konstatierte Günter am Wochenende "Ich kann mir vorstellen, daß Richelieu den König als Amt schätzte, die Monarchie keineswegs unterlaufen wollte, aber die Person Louis' eher mißachtete." Um dieses im Politischen Testament aufzuzeigen, habe ich mehr als eine Seite verbraten. Sagt das was über Günters Bildung aus, welche in der Epoche der Frühen Neuzeit zweifelsohne hoch ist, oder über mangelnde Qualität meiner Arbeit?
Nun warte ich auf das ehrliche (sic! meine Liebe ;-) ) Urteil meiner wunderbaren Martina, die im gleichen Fach beim gleichen Dozenten ihre Magisterarbeit geschrieben hat, mir als Mensch in meinem Leben unglaublich wichtig ist und auf deren fachlichem Wissen ich große Stücke halte.
Ob ich das Urteil der Gutachter wissen will, weiß ich noch nicht. Da bin ich nervös/gespannt/hysterisch/neugierig/...
Oh Gott!

Bevor sich mein Magen umdrehte, wollte ich auch allen denjenigen danken, die die Daumen gedrückt und liebe Ermutigungen geschickt haben!



* Für die Pratchett-Leser unter euch: Richelieu ist übrigens Vetinari. Vetinari ist Richelieu. Ganz eindeutige Quintessenz der Beschäftigung mit dem Politischen Testament! ;-)

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